Politische Paartherapie: Robin Mishra fordert Verständnis für Politiker
Farblose Volksvertreter gibt es genauso wie politikverdrossene Bürger. Das weiß Robin Mishra, der Parlaments-Fachmann der Wochenzeitung „Rheinischer Merkur“. Deshalb bittet er in seinem Buch „Wie ich lernte, die Politiker zu lieben“ zu einer Art geschriebenen Paartherapie. Statt einseitig Fehler zu suchen, lädt er dazu ein, wieder gegenseitig Verständnis füreinander zu entwickeln. „Die Beziehung zwischen dem Volk und seinen Vertretern ist gestört“, schreit Mishra: „Bis zur völligen Zerrüttung ist es nicht mehr weit, eine Scheidung aber ist keine Lösung.“ Nur wer sich in den anderen hinein versetze, könne ihn richtig einschätzen. Mit seinem Buch will er dazu eine Hilfestellung geben – und es gelingt ihm! Er reiht sich nicht ein in den Chor der Nörgler und Pauschal-Verreißer, sondern schildert fundiert, aber manchmal durchaus zugespitzt, was an der aktuellen Situation der Demokratie in Deutschland verbesserungswürdig ist.
Mishra analysiert eindrucksvoll, was die Wähler an ihren Politikern stört. Zum Beispiel, dass es so wenige gibt, die Charisma beweisen statt sperrige und abgegriffene Slogans abzuspulen. „Deutsche Politiker müssen lernen, überwölbende Botschaften zu entwickeln und damit Begeisterung zu wecken“, schreibt Mishra. Doch wer lässt sich auf ein solches Geschäft als Berufspolitiker ein, wenn er ständig öffentlich fertig gemacht wird? Folgerichtig fordert der Publizist: „Schluss mit den Schmähungen!“ Wir Wähler sollten Politiker so behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen. Aber auch Politiker sollten ihre Arbeit nicht ständig selbst schlecht reden und die Leistung ihrer „Gegner“ herunter putzen.
Mishra macht auch eine Reihe konkreter Vorschläge, was sich im politischen und gesellschaftlichen System der Bundesrepublik ändern sollte: Praktika für Politiker in der Wirtschaft, mehr Transparenz und fairere Regeln bei den Gehältern der Volksvertreter, eine Abschaffung der parlamentarischen Staatssekretäre. Außerdem plädiert er dafür, den Bundestag zu verkleinern: Das Parlament sei heute „kein Muster an Effektivität“, weniger Abgeordnete hätten mehr Einfluss.
Dass die Volksparteien immer mehr an Kraft verlieren, treibt den Autor offenbar intensiv um: So fordert er, Politik insgesamt attraktiver zu machen. Zum Beispiel, indem eine Quote für Quereinsteiger eingeführt wird. Gleichzeitig stellt Mishra fest, dass die neuen parteipolitischen Konstellationen auch mehr Ungewissheit mit sich bringen. Das erzeuge Spannung darauf, wie die Wahl ausgeht – was mittelfristig zu einer höheren Wahlbeteiligung führen könne: Man könne mit seiner eigenen Stimme das sprichwörtliche „Zünglein an der Waage“ sein.
Experten in Berlin bezeichnet Mishra als „Möchtegern-Mächtige“. Da würden viele Vertreter von Interessengruppen „zuweilen ganz ungehemmt ihr eigenes Süppchen kochen und wenig Interesse am geschmacklichen Gesamteindruck zeigen“. Es sei auch ein unhaltbarer Zustand, dass Ministerien und einfache Abgeordnete offenbar ohne die Zahlen, Daten und Fakten von Lobbyisten aufgeschmissen seien.
Mishra beschränkt sich nicht wie viele andere Autoren auf pauschale Politiker-Kritik, und trotz des zunächst verstörenden Buchtitels ist das Werk keine rosarote Reinwisch-Arie für Volksvertreter. Der Journalist, der den Parlamentsbetrieb täglich hautnah erlebt, gibt tiefe Einblicke in diesen Betrieb. Er äußert seine Kritik respektvoll und mit pointiert gewählten Worten, die Lust aufs Lesen machen. Mishra setzt sich hier auch grundsätzlich ernsthaft und fundiert mit den „Gewohnheitsrechten“ unserer Demokratie auseinander und schlägt vor, wie man sie verbessern kann. Bewusst ist er sich dabei schon, dass sich die politische Aktivität immer mehr nach Brüssel verlagert. In den Jahren 1998 bis 2004 hatten 84 Prozent der deutschen Rechtsakte ihren Ursprung bei der Europäischen Union, rechnet Mishra vor. Diese Zentralisierung will er gestoppt wissen – und die Abgeordneten in Berlin sollten seiner Meinung nach „dringend ein besseres Frühwarnsystem entwickeln“ und selbst häufiger nach Brüssel reisen. (Frank Überall)
Robin Mishra: „Wie ich lernte, die Politiker zu lieben: Ein Ratgeber für das Volk und seine Vertreter“, Herder Verlag, 200 Seiten, 14,95 Euro, ISBN 978-3-451-30157-5
